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Burkhard Bierhoff

Konsumkapitalismus


Zusammenfassung:

Veränderungen in der kapitalistischen Produktionsweise in den westlichen Industriegesellschaften seit den 1920er Jahren lassen sich grob als Wechsel vom Industriekapitalismus zum Konsumkapitalismus beschreiben. Der Wechsel fällt in eine Zeit, in der in und außerhalb der sozialistischen Bewegung Zweifel an dem Fortbestehen eines revolutionären Subjekts formuliert wurden. Der Kapitalismus integrierte zunehmend die Menschen durch Konsum, der über die Reproduktion der Arbeitskraft hinaus den Lebensstil mit Annehmlichkeiten ausstattete, die in den Jahrzehnten davor als Luxus galten. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts traten die veränderten Produktions- und Arbeitsbedingungen mit ihren Folgen für die Lebensweise deutlich in den Vordergrund. Das Doppelgesicht des Konsumkapitalismus zeigte sich in einem ungeheuren Zuwachs des Güterwohlstands auf der Grundlage der Massenproduktion und zugleich in sich zuspitzenden Formen von Verelendung, Armut und Unbehagen. Die Transformation des Konsumkapitalismus hin zu einer menschlichen Gesellschaftsform verlangt nach einer Lösung sowohl sozialer Probleme (Wohlstandsverteilung) als auch ökologischer Probleme (Ressourcennutzung).


Der Konsumkapitalismus ist ein Stadium der wirtschaftlichen und sozialen Entwicklung des Kapitalismus, in dem die Nachfrage der Verbraucher einen zunehmenden Stellenwert erhält und das Marktgeschehen steuert. Er gründet auf der Überzeugung, dass die Zunahme des Güterverbrauchs einen wirtschaftlichen Vorteil für alle bietet. Der möglich gewordene Wohlstand kann prinzipiell von jedem Gesellschaftsmitglied erreicht werden, das sich bestimmten Normen unterwirft.

Die Massenproduktion, die im Kern des Konsumkapitalismus steht, braucht ausgedehnte Absatzmärkte, die in eine wirtschaftliche und soziale Ordnung eingebettet sind, die auf die systematische Erzeugung und die anhaltende Stimulation von Wünschen bezogen ist. Diese sind darauf gerichtet, Konsumgüter und Dienstleistungen in immer größeren Mengen zu kaufen und zu konsumieren. Hinzu kommt, dass die Methoden des Marketing, im Interesse der Produzenten und Verkäufer, Nachfrage bewusst und planvoll stimulieren. Die Anstachelung der direkten Nachfrage des Verbrauchers schafft erst einen Absatzmarkt für die massenproduzierten Güter. Die Massenproduktion kann nur aufrechterhalten werden, wenn auf der Verbraucherseite eine Nachfrage entsteht. Diese wird systematisch und künstlich erzeugt und am Leben gehalten.

Mit dem Konsum gelang es dem Kapitalismus, wirtschaftlich zu expandieren und die Menschen als Konsumenten in Arbeit und Freizeit zu integrieren. Die konsumkapitalistischen Ausweitung des Güterangebots wurde wirtschaftlich und politisch als ein äußerst erfolgreiches Modell bewertet. In der Bundesrepublik begann die kapitalistische Expansion durch Binnennachfrage und Massenkonsum erst in den 1950er Jahren und führte zu einer „formierten Gesellschaft“ der Prosperität mit der Vorstellung einer „nivellierten Mittelstandsgesellschaft“. Geschichtlich gibt es eine Linie von dem frühen Konsumkapitalismus der 1920er Jahre in den USA zu dem heutigen Konsumismus, der wirkungsvoll die Menschen stillstellt und integriert und sich als neuer weltweiter Totalitarismus etabliert.

Unter Konsumismus versteht man im Allgemeinen den übersteigerten Konsum, den Überkonsum. Dieser gehört wie selbstverständlich zum Alltag der Menschen in unserer Gesellschaft. Wenn wir nicht vor dem Fernsehen sitzen, gehen wir einkaufen – wobei Einkaufen auch den Charakter eines Zeitvertreibs hat. Es geht nicht nur darum zu kaufen, um die Brötchen oder das Schnitzel auf dem Teller zu haben, sondern das Kaufen weckt Begehrlichkeiten. Das Kaufen kann zudem beruhigen oder aktivieren, darüber hinaus zu Illusionen und Halluzinationen des Beschenktwerdens führen, wie Konsumforscher festgestellt haben.

Untersuchungen zur Kaufsucht haben festgestellt, dass man bei den 5% der bundesdeutschen Bevölkerung, die nach den Untersuchungen von Gerhard Scherhorn u.a. als kaufsüchtig bezeichnet werden, davon ausgehen kann, dass das süchtige Konsumieren und Kaufen Menschen scheinbar verlebendigen oder auch ihre Ängste lösen kann. Durch das Angebot des Warenmarkts fühlen sie sich z.B. stimuliert. Wenn sie kaufen, geht es im Allgemeinen nicht um den Gebrauchswert des erstandenen Dinges, sondern ausschließlich um den Akt des Kaufens. Denn die gekauften Gegenstände werden anschließend achtlos abgelegt, im Keller gestapelt, unausgepackt auf dem Kleiderschrank aufbewahrt, verschenkt oder bei eBay verkauft.

In der Kaufsucht gibt es keine ausgeprägte Gebrauchswertorientierung mehr, was im Grunde genommen folgerichtig ist. Denn der Kaufsüchtige ist der Konsument, wie ihn die Massenproduktion braucht, weil er die produzierten Güter schnell vernichtet, damit weiter produziert werden kann. Darin ist der Kernpunkt der Massenproduktion zu sehen: Die Bestimmung der produzierten Gegenstände ist nichts anderes als zu Müll zu werden. Wenn diese Gegenstände nicht schon zum Zeitpunkt des Kaufes Müll waren, so werden sie spätestens dann zu Müll, wenn man sie nicht gebraucht, nicht gebrauchen kann – oder wenige Tage nach dem Kauf nicht mehr weiß, dass man sie erworben hat.

Mit solchen Verhaltensweisen bewegen sich die Menschen wie in einem Hamsterrad. Zum einen kann durch Kaufen eine gewisse Stimulation erfolgen, das heißt, der Kaufsüchtige fühlt sich als Käufer lebendig und wertgeschätzt, wenn er etwa in der Boutique von den Verkäuferinnen hofiert wird. In einer anderen Variante stellen sich durch das süchtige, zwanghafte Kaufen Entspannung und Beruhigung ein. Unerwünschte innere Zustände wie Angst, Langeweile und Unruhe werden beim Kaufen ausgeblendet oder abgemildert. Bei dem Konsumenten, der aus Gründen der Beruhigung kauft, entspricht der erwünschte Effekt der Einnahme von Tranquilizern. Trotz des Unterschieds zwischen Anregung und Beruhigung durch das Kaufen haben beide Kaufsuchttypen etwas Gemeinsames. Es geht nicht um das Produkt und was man mit ihm anfangen kann, sondern es geht um das Kaufen selbst; auch hier werden die Gegenstände achtlos abgelegt, es entstehen Warenlager in Wohnungen und in Kellern.

Veränderungen der kapitalistischen Produktionsweise in den westlichen Industriegesellschaften seit den 1920er Jahren lassen sich als der Wechsel vom Industriekapitalismus zum Konsumkapitalismus beschreiben. Der Wechsel fällt in eine Zeit, in der in und außerhalb der sozialistischen Bewegung Zweifel an dem Fortbestehen eines revolutionären Subjekts aufkamen. Die zugrundeliegende Frage lautete, wie die Klasse an sich zur Klasse für sich werden könnte. Strittig war, ob die befreiende Auseinandersetzung im revolutionären Sinne als Klassenkampf oder sozial-integrativ im Sinne des Reformismus geschehen sollte. Beide – Klassenkampf und Reformismus – sind historisch plausibel begründbare Strategien gewesen

Zu einer kritischen Theorie des Konsums hat eine Reihe von Theoretiker beigetragen, die sich teils auf den Kapitalismus, teils auf die Konsumgesellschaft bezogen, und die Auswirkungen der sozioökonomischen Veränderungen auf das Arbeiten und Leben beschrieben haben. Wenn auch die Schlussfolgerungen als vergleichbar erscheinen, sind die Themen und Thesen unabhängig voneinander erarbeitet worden.

Der in Frankreich wirkende Jean Baudrillard entwickelte im Anschluss an Die Gesellschaft des Spektakels (1967) von Guy Debord seine Theorie über die Mythen und Strukturen der Konsumgesellschaft (Baudrillard 2015). Im Kaufen erfährt der Konsument gesellschaftliche Teilhabe, die jedoch auf die Warenwelt reduziert ist und mit einer „Liturgie der Dinge“ verbunden ist. Die Akte des Kaufens und Verbrauchens geraten zum täglichen Gottesdienst in den Konsumtempeln, in denen der Dienst am Nächsten, dem Konsumenten, erfolgt. Die Zeremonien des Einkaufens und Konsumierens von Objekten und Dienstleistungen verbinden sich mit der Verkündigung des Konsumheils. Die Kaufhandlungen lösen sich vom realen Gebrauchswert ab, bestätigen den Tauschwert der Dinge und schaffen eine kommodifizierte Totalität des Erlebens, in der produktive Handlungen durch bloße Kaufhandlungen mit symbolischem Wert ersetzt werden. Die Liturgie in der Konsumgesellschaft verehrt Wachstum, Überfluss und Wohlstand. Im Widerspruch dazu wird die Konsumgesellschaft von Baudrillard als eine faktische Ökonomie der Knappheit beschrieben, da gegenüber den gesteigerten Bedürfnissen und Wünschen die Mittel der Bedürfnisbefriedigung zurückfallen und ein Kreislauf des Begehrens entsteht, der nicht befriedigt werden kann.

Andere Beschreibungen betonen, dass die Konsumgesellschaft der Arbeitsgesellschaft deutlich den Rang abgelaufen hat, nachdem Lohnarbeit knapper und das Waren- und Dienstleistungsangebot reichhaltiger geworden ist. Der aus Polen stammende Soziologe Zygmunt Bauman vertritt in seinem 2009 veröffentlichten Buch Leben als Konsum die These, die auch bei anderen Konsumismuskritikern zu finden ist, dass die Arbeitsgesellschaft deutlich an Stellenwert verloren und sich hin zu einer Konsumgesellschaft verändert hat, der „Gesellschaft der Konsumenten“ – mit einer Vielzahl von Problemen, die die Lebensweise der Menschen betreffen.

Dem Konsumkapitalismus kommt die Funktion zu, unter Einsatz von Werbung die Menschen anzuhalten, Dinge zu kaufen, die sie gar nicht benötigen. Es geht nicht um den menschlichen Gebrauch der Güter, sondern darum, die Massenproduktion aufrechtzuerhalten. Die Produktion dient nicht der Bedürfnisbefriedigung, sondern dazu, das System am Laufen zu halten, indem die menschlichen Bedürfnisse als Transmissionsriemen für das Produzieren gebraucht werden. Eine derzeit aktuelle Generation von Gütern soll durch eine angeblich verbesserte Produktgeneration ersetzt werden, was durch in die Produkte eingebaute Obsoleszenz forciert wird. Nimmt man als Beispiel das Handy, das es vor 15 Jahren gab, so findet man dieses heute zumindest bei Jugendlichen nicht mehr in Nutzung. Die Heranwachsenden haben Geräte wie Smartphone oder iPhone in möglichst der neuesten Generation. Das hängt damit zusammen, dass die Konsumerwartungen Dienstbarkeit und Flexibilität fördern und eine Form konformistischer Anpassung entsteht, die unterschwellig abläuft und kaum als Unterwerfung unter die Konsumimperative wahrgenommen wird. Die Sozialintegration erfolgt heute überwiegend durch die Teilhabe an der „Gesellschaft der Konsumenten“ (Zygmunt Bauman). Sogenannte „fehlerhafte Konsumenten“,denen es an Chancen mangelt, dauerhaft am Massenkonsum teilzuhaben, werden „exkludiert“ und „ent-gesellschaftet“ (Peter Brückner). Zugleich sind neue Formen der Armut und Entfremdung entstanden, die am Ideal der Partizipation durch Konsum orientiert bleiben.

Trotz aller Bemühungen um Aufklärung gibt es keine eindeutigen Lösungen. Mit Erich Fromm ist auf einen kulturellen Verdrängungsprozess zu verweisen, der an den vorherrschenden Sozialcharakter und das gesellschaftliche Unbewusste gebunden ist. Der in diesem Zusammenhang ebenfalls relevante Begriff der Ambiguität, den Henri Lefebvre in seiner Soziologie des Alltagslebens gebraucht hat, deutet an, dass die Integration durch Konsum in einem solchen Maße erfolgt, dass die ökologische Problematik nicht genügend in die Aufmerksamkeit der Konsumenten geraten kann. Bildlich gesprochen befinden sich die Konsumenten vor der Weggabelung und haben sich (noch) nicht für rettende Handlungsalternativen entschlossen. Dieser Sachverhalt ist nach wie vor klärungsbedürftig, da die Anzeichen der Krise bereits seit den 1970er Jahren bekannt sind.

Konsumismus und Konsumkapitalismus lassen sich als zwei konkurrierende Konzepte betrachten, die sich beide als kritisch verstehen. Konsumismus wird manchmal in einem apologetischen Sinne gebraucht, wie von Norbert Bolz, der das Konsumistische Manifest verfasst hat, das eine Lobrede auf den Konsumismus ist. Bolz bezeichnet den Konsumismus als das Immunsystem der Weltgesellschaft. Wenn alle Menschen das Konsumheil erfahren, werde es keinen Fundamentalismus und auch keinen Terrorismus mehr geben. Dann sei die Welt befriedet. Das jedenfalls ist, auf einen einfachen Nenner gebracht, die beschränkte Aussage. Aber dahinter verbirgt sich noch ein ganz besonderes Problem, das der Scheinfreiheit. Die Menschen werden zum Konsumismus genötigt. Dem Konsumenten als dem Objekt von Werbung wird ständig suggeriert, was ihm zu seinem Glück fehle und was er noch benötige.

Gegenüber den Erkenntnissen, die bereits bei Fromm zu finden sind, scheinen mir die neueren Veröffentlichungen zum Konsum im Grundsatz keine tieferen Erkenntnisse zu bieten. In den letzten Jahrzehnten hat sich in den postmodernen und neoliberalen Gesellschaften der Konsum ausgeweitet. Bildung und Lernen ebenso wie Gesundheit sind zunehmend im Sinne der ökonomischen Verwertung und des betriebswirtschaftlichen Effizienzdenkens deutlich funktionalisieren lassen, so dass die Warenbeziehung sich als Grundmodell des Sozialen ausgeweitet und im Bewusstsein gefestigt hat. Die Entwicklungen des neoliberalen Kapitalismus und die relative Beliebigkeit des postmodernen Lebens passen in den Rahmen der analytischen Sozialpsychologie von Erich Fromm und können mit seinem Konzept des Sozialcharakters untersucht werden. Zurückliegend sind zum Konsum und Konsumkapitalismus Arbeiten z.B. von Benjamin Barber (2008), Zygmunt Bauman (2007) und Justin Lewis (2013) erschienen, die die anhaltende Bedeutung des Themas anzeigen. Die Konsumkritik betrifft vor allem den allgemeinen Trend der Kommodifizierung und Infantilisierung des Konsumenten.

In seinen Sozialdiagnosen zur kapitalistischen Gesellschaft hat sich Erich Fromm stark auf die Lebensführung bezogen, die in ihren unproduktiven Varianten von Entfremdung, Passivität und Destruktivität und in ihren produktiven Varianten von Vernunft, Achtsamkeit, Interesse und Liebe bestimmt ist. Die Besonderheit seiner Sozialdiagnose liegt darin, dass er seinen Blick auf den Sozialcharakter der Menschen ebenso richtet wie auf die sozioökonomische Struktur der Lebensweise.

Den Begriff des Konsumismus hat Fromm synonym zu Konsumverhalten verwendet, ohne ihn jedoch systematisch auszuarbeiten. Verstreut über sein Gesamtwerk sind die folgenden Merkmale des Konsumismus zu finden, die abschließend in einer knappen Zusammenfassung in Thesenform präsentiert werden:

Der Konsumismus steht für den gesellschaftlich erwünschten hohen Verbrauch (Überkonsum) von Gütern und Dienstleistungen in einem Wirtschaftssystem, das Menschen benötigt, deren vorrangiges Lebensziel der Konsum ist.

Der Konsumismus erzeugt bei den Konsumenten die Haltung, sich die Welt passiv und rezeptiv anzueignen; durch diese Haltung wird die Welt zu einer Welt konsumierbarer Objekte. „Es ist wichtig, den modernen Konsum als eine Haltung oder, genauer gesagt, als einen Charakterzug anzusehen. ... Die Welt in ihrem Reichtum ist zu einem Gegenstand des Konsums umgewandelt.“

Dem Konsumismus entspricht ein Sozialcharakter, der aufgrund seiner Charaktereigenschaften einen Hang zum exzessiven Konsum aufweist. Seine Charakterdynamik treibt den konsumistischen Menschen dazu, Dinge und Menschen zu konsumierbaren Objekten, ja die ganze Welt zu Konsumartikeln zu machen.

Der Konsumismus wurzelt in Charaktereigenschaften wie Neid und Gier, die zu einem anhaltenden Konsum von Dingen und Dienstleistungen führen. „Es gibt ein Konsumieren, das zwanghaft ist und auf Gier zurückgeht. Es ist ein Drang, immer mehr zu essen, immer mehr zu kaufen, immer mehr zu besitzen, immer mehr zu benutzen.“

Der Konsumismus führt zu einer eingeschränkten und entfremdeten Erfahrung und Sicht der Welt. Mit der Hilfe des Konsums tritt der Menschen auf eine entfremdete Weise in Kontakt zu der Welt der Menschen und Dinge. Dabei reduziert er die Welt auf Objekte, die zu seinen Begierden passen, um sie zu benutzen, ohne ein tieferes Interesse an ihr zu finden. „Die Konsumhaltung ist die entfremdete Weise, mit der Welt in Kontakt zu sein, weil die Welt zu einem Gegenstand der Gier gemacht wird, statt daß der Mensch an ihr interessiert und auf sie bezogen ist.“

Der Konsumismus hat die sexuelle Befreiung benutzt, um den Menschen die Haltung des Verzichts auszutreiben. Zugleich hat er das sexuelle Verhalten dem Marketing unterworfen, um die sexuelle Attraktivität und die Verkäuflichkeit auf dem Personalmarkt zu erhöhen. Insgesamt stimuliert das permissive Sexualverhalten direkt und indirekt das Bedürfnis nach Konsum. „... das gegenwärtige Sexualverhalten ist Teil eines allgemeinen Konsumverhaltens“ – „Die historische Entwicklung hat ... gezeigt, daß die sexuelle Befreiung der Entwicklung der menschlichen Konsumhaltung diente und - wenn überhaupt - den politischen Radikalismus schwächte.“

Der Konsumismus führt zu einem pathogenen Syndrom von Langeweile, chronischer Depressivität, Angst und Ohnmacht, verbunden mit dem Wunsch nach Zugehörigkeit durch demonstrativen Konsum, Selbstverbesserung und Imagepflege. Zugleich schwächt er das Engagement für politisches Handeln im Gemeinwesen, macht die Menschen passiv und verleitet sie zu einem unverbindlichen Kontaktnehmen, das vor Nähe schützt.

Der Konsumismus wirkt wie eine Droge, obwohl er - im Gegensatz zum Missbrauch von Alkohol und anderen stofflichen Drogen - im Allgemeinen weder die Arbeitsfähigkeit der Menschen noch die sozialen Verpflichtungen einschränkt. Während der Konsumismus lediglich ein kompensatorisches Kaufen bewirkt, ist seine Steigerung in der Kaufsucht als eine stoffungebundene Sucht zu betrachten.


Literatur

Barber, Benjamin, 2008: Consumed!: Wie der Markt Kinder verführt, Erwachsene infantilisiert und die Demokratie untergräbt. München: C.H. Beck. [GOOGLE BOOKS]

Baudrillard, Jean, 2015 [1970]: Die Konsumgesellschaft. Ihre Mythen, ihre Strukturen. Wiesbaden: Springer VS. [GOOGLE BOOKS]

Bauman, Zygmunt, 2009: Leben als Konsum. Hamburg: Hamburger Edition. [BLICK INS BUCH]

Bierhoff, Burkhard, 2002: Das Unbehagen im Konsumismus. In: Ferst, Marko (Hg.): Erich Fromm als Vordenker. „Haben oder Sein“ im Zeitalter der ökologischen Krise.[BLICK INS BUCH] Berlin (edition zeitsprung) 2002, S. 57–74. [DOWNLOAD]

Bierhoff, Burkhard, 2006: Vom Homo consumens zum Homo integralis. In: Hosang, Maik / Seifert, Kurt (Hg.): Integration. Natur – Kultur – Mensch. Ansätze einer kritischen Human- und Sozialökologie. München (oekom) 2006, S. 109–171. [ABSTRACT]

Bierhoff, Burkhard, 2008: Analytische Sozialpsychologie und humanistischer Sozialismus. Fromm Forum (German Edition), Nr. 12/2008, hg. von der Internationalen Erich-Fromm-Gesellschaft. Tübingen, S. 83–94. [DOWNLOAD]

Bierhoff, Burkhard, 2008: Bedrängte Subjekte. Zur Sozialpsychologie des Kapitalismus im Neoliberalismus. In: Verhaltenstherapie und psychosoziale Praxis, 3/2008, S. 571–585. [DOWNLOAD]

Bierhoff, Burkhard, 2010: Faul und arbeitsscheu oder fleißig und aktiv? Überlegungen zu einem produktiven Lebensstil nach Erich Fromm. Fromm Forum (German Edition), Nr. 14/2010, hg. von der Internationalen Erich-Fromm-Gesellschaft. Tübingen, S. 45–56. [DOWNLOAD]

Bierhoff, Burkhard, 2010: Links Between Work, Character, and Education. The Actuality of Erich Fromm’s Analytical Social Psychology. Social Change Review, 2/2010, pp. 165–187. [DOWNLOAD]

Bierhoff, Burkhard, 2013: Arbeit im Wandel. Zur Begründung eines bedingungslosen Grundeinkommens. In: Johach, Helmut; Bierhoff, Burkhard (Hg.): Humanismus in der Postmoderne. Rainer Funk zum 70. Geburtstag, Pfungstadt (Intern. Erich-Fromm-Gesellsch.) 2013, S. 259-283. [DOWNLOAD]

Bierhoff, Burkhard, 2013: Konsumismus. Kritik einer Lebensform. Freiburg i.Br.: Centaurus Verlag. [LESEPROBE] [BLICK INS BUCH] 
[REZENSION]

Bierhoff, Burkhard, 2013: The Lifestyle Discourse in Consumer Capitalism. In: Social Change Review, 2/2013, p. 85-101. [DOWNLOAD]

Bierhoff, Burkhard, 2013: Wohlstand und Bildung im Wandel. Ein Plädoyer für die Befreiung vom Konsumismus. In: Bruder, Klaus-Jürgen; Bialluch, Christoph; Lemke, Benjamin (Hg.): Sozialpsychologie des Kapitalismus. Zur Aktualität Peter Brückners.[BLICK INS BUCH] Gießen (Psychosozial Verlag) 2013, S. 367–386. [DOWNLOAD THESEN]

Bierhoff, Burkhard, 2013: Kritisch-humanistische Erziehung. Pädagogik nach Erich Fromm. Freiburg i.Br.: Centaurus Verlag. [BLICK INS BUCH]
[REZENSION]

Bierhoff, Burkhard, 2014: Zur Kritik des Ökonomismus in der Erziehung. In: Bruder, Klaus-Jürgen; Bialluch, Christoph; Lemke, Benjamin (Hg.): Machtwirkungen und Glücksversprechen. Gewalt und Rationalität in Sozialisation und Bildungsprozessen.[BLICK INS BUCH] Gießen (Psychosozial Verlag) 2014, S. 251-274. [DOWNLOAD THESEN]


Bierhoff, Burkhard, 2015: Fromms Kritik am Konsumismus und Chancen verändernder Erziehung. Fromm Forum (German Edition), Nr. 19/2015, hg. von der Internationalen Erich-Fromm-Gesellschaft. Tübingen, S. 90-97. [DOWNLOAD]

Bierhoff, Burkhard, 2015: Aufstieg und Elend des Konsumkapitalismus – Ambiguitäten und Transformationschancen heute. Erscheint voraussichtlich in: Fromm Forum (German Edition), Nr. 20/2015, hg. von der Internationalen Erich-Fromm-Gesellschaft. Tübingen. [DOWNLOAD]

Brückner, Peter, 1973: Freiheit, Gleichheit, Sicherheit. Von den Widersprüchen des Wohlstands, Frankfurt/M.: Fischer Taschenbuch Verlag.

Debord, Guy, 1973: Die Gesellschaft des Spektakels. Düsseldorf: Projektgruppe Gegengesellschaft.

Fromm, Erich, 1999: Gesamtausgabe in 12 Bänden (GA 1 bis GA XII). Hrsg. von Rainer Funk. München: Deutsche Verlags-Anstalt und Deutscher Taschenbuch Verlag. [REZENSION 1] [REZENSION 2]

Lefebvre, Henri, 1987: Kritik des Alltagslebens. Grundrisse einer Soziologie der Alltäglichkeit. Frankfurt/M.: Fischer Taschenbuch-Verlag.


Lewis, Justin, 2013: Beyond Consumer Capitalism: Media and the Limits to Imagination. Cambridge, UK; Malden, USA: Polity Press. [BOOK DETAILS]

Scherhorn, Gerhard; Reisch, Lucia A.; Raab, Gerhard, 1990: Kaufsucht. Bericht über eine empirische Untersuchung. 3., durchges. Fassung. Stuttgart: Lehrstuhl für Konsumtheorie und Verbraucherpolitik, Universität Hohenheim.




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